Jugoslawienkriege in die Lehrpläne — weil Europa das braucht

Anlässlich der Nobelpreisverleihung an Peter Handke posten heute Kriegsjournalist_innen unter dem Hashtag #BosniaWarJournalists ihre Berichterstattung aus dem Bosnienkrieg. Ihre Worte und Bilder sollten Teil des Geschichtsunterrichts sein, denn nicht nur die Entstehung der EU, sondern auch diese dunkelsten Stunden Europas seit dem Zweiten Weltkrieg sind europäische Geschichte, mit der wir uns beschäftigen müssen, um sie niemals zu wiederholen und um die europäische Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Erweiterungspolitik zu reformieren.

„Wir haben die moralische Verpflichtung, nicht tatenlos zuzusehen, wenn ein Volk vernichtet wird“, sagte der frühere amerikanische Außenminister und Botschafter in Jugoslawien, Lawrence Eagleburger, bei den Genfer Verhandlungen 1992 [bezüglich der Muslime in Bosnien]. Er bezichtigte Slobodan Milošević, Radovan Karadžić und Ratko Mladić der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eisiges Schweigen soll nach seinen Bemerkungen geherrscht haben. Der EU-Unterhändler Lord David Owen habe die Bemerkung „wenig hilfreich“ genannt. [1]

Im Juli 1995 kam es zum Massaker von Srebrenica, dem mehr als 8000 bosnische Muslime zum Opfer fielen.

Als der diesjährige Literaturnobelpreisträger verkündet wurde, saß ich in Sarajevo mit einem Freund beim Essen, als er dazu sagte: „Wir sind der Welt egal.“ Und er hat hat recht: Bosnien — ist — der Welt — egal. Und natürlich nicht nur Bosnien, sondern auch der Rest der Region. Es weiß, um ein anderes Beispiel zu nennen, auch kaum jemand, was in Jasenovac passiert ist. 

Nun kann man argumentieren, dass „der Welt“ ziemlich viel egal ist und der Balkan einfach keine besondere Ausnahme. Dennoch: Die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens liegen immerhin in Europa, das wir in unserer europäischen Bescheidenheit immerhin als etwas ganz Besonderes ansehen, wenn es um liberale Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und den Frieden geht. Zu diesem Anspruch würde ein reflektierter Umgang mit der Geschichte der Jugoslawienkriege und dem Versagen europäischer und internationaler Strukturen bei der Verhinderung von ethnischen Säuberungen, Massenvergewaltigungen und Genozid gehören. Dazu würde gehören, dass wir alle auf jeden Fall in den Schulen lernen, was damals passiert ist und nicht nur, falls es ein engagierter Lehrer oder eine engagierte Lehrerin aus Eigeninitiative zusätzlich zum Lehrplan unterrichtet, denn das gibt es natürlich schon auch.

Europäische Geschichte ist mehr als die Entstehung der EU

„Europäische Geschichte“ heißt in der europapolitischen Debatte oft nur die Entstehung der Institutionen und wie die Europäische Union zum Friedensgarant in Europa wurde. Eher selten sind damit auch jene Anlässe gemeint, an denen die Europäische Union und die internationale Gemeinschaft, der wir ebenso angehören, versagt hat und Menschenleben nicht gerettet hat.

Können wir heute sicher sein, dass die EU Gräultaten, wie sie im ehemaligen Jugoslawien begangen wurden, auf europäischem Boden verhindern würde? Würden wir als Union uns schnell genug auf eine Vorgehensweise und Verantwortlichkeiten einigen können? Die Union scheitert doch quasi alle zwei Tage daran, in der Außen- und Sicherheitspolitik schnell zu einer gemeinsamen Position zu finden. Oft genug wird das mit Souveränität und Eitelkeiten der Mitgliedstaaten gerechtfertigt und nicht jede Uneinigkeit führt sofort zu einer Katastrophe. Aber das kann eben schon auch passieren und wir haben heute noch immer nicht die Werkzeuge und die Entscheidungsprozesse, die es in einer solch katastrophalen Situation braucht.

Der Beitrittsprozess lost in translation 

In seiner Außen- und Sicherheitspolitik möchte Europa immer so etwas wie ein „globaler Akteur“ sein, „auf der Weltbühne eine Rolle spielen“ und was nicht noch alles. Gleichzeitig blicken wir ratlos auf die Staaten des Westbalkans, die insgesamt eine Bevölkerung von vielleicht 18 Millionen Menschen haben. Die Europäische Union ist bei ihrer Erweiterungspolitik stecken geblieben. Dinge, die schon lange nicht gut funktioniert haben, funktionieren jetzt beim Beitrittsprozess gar nicht mehr. Schuld sind die Franzosen und die Niederländer, die „plötzlich blockieren“ und „fremde Großmächte“, die sich auf dem Balkan „einmischen“. Schuld sind die Bürgerinnen und Bürger der Westbalkanstaaten, die immer wieder Autokraten wählen (die in den Augen Europas oft als Stabilitätsfaktor gelten) und denen wir ohne oder mit sehr geringem Wissen über deren Geschichte ausrichten, sie mögen doch endlich die Vergangenheit überwinden und endlich für eine europäische Zukunft bereit werden. Und nicht, dass nicht auch jene Staaten, die Beitrittsambitionen haben, ihren Teil zu leisten hätten, aber könnte nicht auch in dieser Debatte eine gewisse Kenntnis der komplexen Geschichte der Westbalkanstaaten hilfreich sein?

Bei allem Respekt für die Errungenschaften der alten Ägypter, für die Werkzeuge des Mittelalters und was man noch alles jahrelang im Geschichtsunterricht macht: Wie kann es sein, dass gerade in Österreich, aber auch in anderen Staaten, die eine große Menge Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawiens aufnahmen, der Grund für deren Flucht in den meisten Schulen nicht einmal vorkommt? Das kann sich doch gar nicht positiv auf das Zusammenleben in Europa auswirken. Und während zwei Wochenstunden Geschichte natürlich nicht alles abdecken können, was jemals in der Welt passiert ist, so ist die Frage „Wie weitermachen mit dem Balkan?“ eine in Europa fortwährend aktuelle, die grundsätzliche europäische Politik, aber auch nationale Sicherheits-, Wirtschafts-, Integrations- und Migrationspolitik betrifft. Der Tourismus ist davon berührt, Bildung und Umweltpolitik.

Die Debatte über die Rolle der Internationalen Gemeinschaft und der Europäischen Union in den Balkankriegen und danach ist kein Höflichkeitsgeschenk an die europäische Nachbarschaft. Sie ist Teil der Hausaufgaben, die wir als EU machen müssen, um unsere eigene Außen- und Sicherheitspolitik zu reparieren und um den Beitrittsprozess zu reformieren. Und wir brauchen diese Beschäftigung, um endlich zu kapieren, dass diese Nachbarschaft ein Teil von uns ist und wir mit ihr gemeinsam einen ganzen Haufen Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen überwinden können und müssen. Darum: Reden wir über unsere gemeinsame grausliche Vergangenheit und zwar nicht nur, weil ein grantiger, alter Mann, den es in den 90ern komplett ausgehängt hat, irgendeinen Preis bekommt, sondern weil Europa diese Debatte braucht. 

 

[1] Bogoeva, Julia und Fetscher, Caroline [Hg.]: Srebrenica. Ein Prozeß. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002.