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Politik lässt beim Thema psychische Gesundheit aus

ExpertInnen warnen seit Frühling vor den psychischen Auswirkungen der Pandemie-Situation. Die Bundesregierung ist bei diesem Thema bisher anscheinend nicht über Floskeln hinausgekommen.

Früher hat niemand, den ich kannte, über Depressionen, psychische Gesundheit oder davon gesprochen, regelmäßig einen Therapeuten oder eine Therapeutin zu besuchen. Man hat es höchstens irgendwie von manchen gewusst, ohne dass die es einem jemals deutlich gesagt hätten. Und jeder kannte jemanden, der sich umgebracht hatte. 

Seit kurzer Zeit aber pflegt mein Freundeskreis einen offeneren Umgang mit dem Thema psychische Beschwerden als früher. Plötzlich sagen sogar Freunde einander eindringlich, dass mit nicht enden wollender Traurigkeit nicht zu spaßen ist und dass man überraschend schnell in ein Loch fällt, aus dem man nicht so schnell wieder herauskommt. Therapie ist bei den gescheiten Menschen, die ich zu meinen Freunden zählen darf, heute ein Schritt zum Weiterkommen und zur Verbesserung der Lebensqualität, kein Zeichen von Schwäche.

Bundesregierung lässt beim Thema aus

Weniger stolz bin ich auf den Umgang der österreichischen Politik mit dem Thema. Seit Corona Österreich erreicht hat, habe ich wesentlich mehr Pressekonferenzen des Bundeskanzlers und verschiedener MinisterInnen gesehen, als ich Tage mit meiner Familie verbracht habe. Das Thema psychische Gesundheit wird dabei ab und zu am Rande erwähnt. Es sei verständlich, dass Menschen traurig und wütend seien und überfordert, das sei ja auch alles sehr schwierig für uns alle, aber durch Zusammenhalt und Geduld würden wir das schon hinbekommen. Von der Opposition* ist mir ebenfalls keine Wortmeldung zu diesem Thema besonders im Gedächtnis geblieben.

Ich unterstelle weder Regierung noch Opposition, dass ihnen das nicht wichtig oder das Thema für sie zu unsexy ist. Man kann sogar verstehen, dass politische EntscheidungsträgerInnen mit Pandemie, Wirtschaftskrise und Terroranschlag und allem anderen Wahnsinn, den die letzten Monate gebracht haben, ausgelastet sind. Aber irgendwann wird bei diesem Thema trotzdem etwas passieren müssen oder zumindest jemand erklären müssen, warum nichts passiert.

Viele Menschen, die unter Depressionen oder anderen psychischen Erschwerniszuständen leiden, kommen auch ohne Pandemie oft nur mit großer Mühe durch den Tag. Die Belastung, die dieses Jahr durch das Virus und seine Folgen hinzukommt, ist eine zusätzliche Last, die sie hinunterdrückt. 

Durch die Jahreszeit bedingt, ist es am Tag nicht viele Stunden hell, das Wetter ist auch kein Stimmungsaufheller und durch Sperre von Handel und Einschränkung des täglichen Lebens ist es in der Stadt vielerorts merklich leiser. 

Jemand, der mit viel Energie dafür kämpfen muss, einen ganz normalen Tag als halbwegs erträglich zu empfinden, hat mit gutem Grund Angst vor wochenlanger durch den Lockdown bedingter Isolation und Einschränkung des Arbeitsalltages, der mitunter Ablenkung von finsteren Gedanken sein kann.

Hilfe zu suchen und finden ist nicht immer leicht

Nehmen wir an, es handelt sich um einen reflektierten Menschen, der die Gefahren einer solchen Situation rechtzeitig erkennt und der sich Hilfe suchen möchte. Eine Therapiestunde dauert im Schnitt etwa 50 Minuten und kostet in Wien etwa zwischen 70 und 90 Euro. Viele TherapeutInnen empfehlen, dass man anfangs zumindest einmal pro Woche zu einer Stunde kommt. Wenn man sich von der Allgemeinmedizinerin dorthin schicken lässt, zahlt die Krankenkassa in den meisten Fällen ein bisschen was dazu. Therapie ganz auf Kasse zu bekommen, ist eher das Ergebnis eines Zauberkunstückes als die Norm. Das Ganze kann also besonders für Menschen mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten zu einer nennenswerten finanziellen Belastung werden. Armut und Probleme mit psychischer Gesundheit gehen übrigens aus nachvollziehbaren Gründen oft Hand in Hand.

Hinzu kommt, dass Therapie vor allem dann gut funktioniert, wenn die Beziehung zwischen KlientIn und TherapeutIn gut funktioniert. Das bedeutet aber auch, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass man mehrere TherapeutInnen „ausprobieren“ muss, bis man wen findet, dem man vertraut. Hinzu kommt, dass durch den enormen Anstieg psychischer Beschwerden durch die Pandemie so einige TherapeutInnen recht ausgelastet sind. All diese Dinge können für Menschen mit Depressionen scheinbar unüberwindliche Hindernisse dabei sein, sich die Unterstützung zu besorgen, die man braucht. 

Dann kommt die Bundesregierung und sagt: „Wir wissen, es ist schwer, wenn Sie also alleine wohnen, dann suchen Sie sich eine Person aus, mit der Sie sich auch während des Lockdowns weiterhin treffen.“ Beistand durch Freundinnen und Freunde ist toll, aber absolut keine ausreichende Maßnahme, um den psychischen Konsequenzen dieser Pandemie angemessen entgegenzutreten. Jetzt muss man nicht jedes Wort auf die Waagschale legen, aber wenn man sich eine solche Person jetzt wirklich aussuchen wollte und wenn man nicht mehr acht Jahre alt ist und weiß, dass man sich für sowas den Benni aussuchen würde, der schon seit dem ersten Schultag der beste Freund ist, ist das gar nicht so leicht, wie der Bundeskanzler es dahingesagt hat. Soziale Kontakte sind oft generell ein schwieriges Thema für depressive Menschen. Was also, wenn man sich gar nicht so leicht jemanden organisieren kann, der einem den Corona-Buddy macht, den man aushält?

ExpertInnen warnen schon seit Frühling

ExpertInnen warnen bereits seit kurz nach Ausbruch der Pandemie vor deren psychischen Konsequenzen. Peter Stippl, Präsident des Verbands für Psychotherapie, etwa sagte kürzlich im Interview mit dem STANDARD: „Wir wissen etwa, dass bei Menschen, die schon lange arbeitslos sind, also auch schon vor der Pandemie waren, schwere Depressionen ganz drastisch gestiegen sind – in dieser Gruppe haben 70 Prozent solche Symptome. Und auch in der restlichen Bevölkerung nehmen psychische Erkrankungen zu, der Bedarf an Therapien ist stark gestiegen.“ Claus Lamm von der Universität Wien weist im ORF darauf hin, dass man im Bereich psychischer Auswirkungen der Coronakrise besonders bei Menschen zwischen 20 und 30 Jahren „sehr wohl extreme Werte gesehen“ habe. Auch die Deutsche Depressionshilfe und viele andere ExpertInnen meldeten sich diesbezüglich zu Wort. 

Depressionen, Burnout durch erhöhten Druck im Beruf und womöglich gleichzeitigem Homeschooling der eigenen Kinder, Einsamkeit, Angst vor Krankheit, Existenzverlust, Weltuntergang etc. sind in so einer Situation bei vielen Menschen verständlicherweise ein noch größeres Thema als sonst. Solche Zustände machen uns weniger widerstandsfähig für eine außergewöhnlich fordernde Situation. 

Ich wünsche mir also, dass die Bundesregierung angemessene Maßnahmen vorlegt oder das Problem zumindest in Worten anerkennt, die in den Ohren eines betroffenen Menschen nicht wie blanker Hohn klingen. 

Mein zweiter Wunsch ist, dass die erste Frage der MedienvertreterInnen auf der Lockdown-Konferenz nicht ist, ob die Kirchen offen bleiben werden, sondern zum Beispiel, was die Bundesregierung für die psychische Gesundheit der Bevölkerung zu tun gedenkt. 

Und noch ein dritter: Bitte passen wir alle gut auf einander auf, idealerweise so, dass wir auch niemanden mit unserer Hilfsbereitschaft erdrücken.

PS: Shoutout an die JUNOS, die kürzlich auf das Thema psychische Gesundheit hingewiesen und einige Forderungen dazu formuliert haben.