{"id":246,"date":"2026-03-21T19:41:57","date_gmt":"2026-03-21T18:41:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teresareiter.com\/blog\/?p=246"},"modified":"2026-03-21T19:41:57","modified_gmt":"2026-03-21T18:41:57","slug":"die-buch-dealer-meines-lebens-eine-verdiente-liebeserklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teresareiter.com\/blog\/2026\/03\/21\/die-buch-dealer-meines-lebens-eine-verdiente-liebeserklaerung\/","title":{"rendered":"Die Buch-Dealer meines Lebens: eine verdiente Liebeserkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Sie streiten. Fast immer streiten sie. Es geht darum, ob der andere irgendwas irgendwo hingelegt hat oder es von dort weggenommen oder h\u00e4ufig auch um irgendeine Reise. <a href=\"http:\/\/www.riedlbuch.at\/\">Meine Buchh\u00e4ndler<\/a> fahren gerne wo hin. <\/span><!--more--><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Man kann gar nicht sagen, sie reisen gerne. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sie das Wort &#8222;reisen&#8220; aussprechen w\u00fcrden. Vielleicht ein bisschen so, als h\u00e4tten sie zwar mit wachsender Kontr\u00e4rfaszination irgendwo davon gelesen, dass manche Leute das machen, aber als f\u00e4nden sie, reisen sei was f\u00fcr Hipster oder solche, die irgendetwas oder sich selbst suchen. Meine Buchh\u00e4ndler suchen nichts, sie wissen genau, wo alles ist. Und manchmal fahren sie dann dort einfach hin und schauen es sich an. Diskutiert wird dann leidenschaftlich die Frage, <i>ob <\/i>man irgendwo hinf\u00e4hrt und wenn ja, wohin und wann am besten. Dann sagt sie: &#8222;Nur, weil du nie nach Kroatien willst &#8230;&#8220; Und er: &#8222;Ich hab <i>in meinem Leben<\/i> noch nicht von Kroatien geredet!&#8220; Und mitunter bekommt man dann per WhatsApp Wochen sp\u00e4ter ein Foto aus Venedig geschickt. Wenn sie zur\u00fcck sind, erz\u00e4hlen sie immer dasselbe: &#8222;Es war seeeehr sch\u00f6n. Wir haben sehr gut, aber verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig teuer gegessen und wir waren in f\u00fcnf Museen. Das war nicht alles interessant, was da ausgestellt war, aber zwei drei Sachen waren schon wirklich gut. Ja, ja das stimmt.&#8220;&nbsp;<\/span><!--more--><!--more--><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Bernhard und Sandra sind eine Errungenschaft meines Erwachsenenlebens. Ihnen geh\u00f6rt die Buchhandlung, die meiner v\u00f6llig unterirdisch angelegten ersten Wohnung in der Josefstadt am n\u00e4chsten lag. Anfangs kaufte ich dort gar keine B\u00fccher, sondern nur eine feministische Zeitschrift, \u00fcber deren monatliches Eintreffen ich stets von Bernhard telefonisch verst\u00e4ndigt wurde. Wir gingen es langsam an. Ich wusste es damals noch nicht, aber in meinem Leben klaffte ein mittelgro\u00dfes buchh\u00e4ndlerf\u00f6rmiges Loch, in das genau Bernhard Riedl passte. Den Buchh\u00e4ndler seines Lebens muss man sich sorgf\u00e4ltiger ausw\u00e4hlen als Gspusis, Friseure und Installateure. Alternativ h\u00e4tte ich mir auch einfach einen Therapeuten suchen k\u00f6nnen. Das h\u00e4tte wohl dasselbe oder vielleicht sogar weniger gekostet, w\u00e4re aber eine L\u00f6sung f\u00fcr weit weniger Probleme gewesen. <\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Ich erkannte also diesen Buchh\u00e4ndler als den wahren meines Lebens, wenn er mir halbgrantig \u2014 stets beteuernd, er sei nicht grantig, er sei eigentlich <i>fast nie<\/i> grantig \u2014 wilde B\u00fccher \u00fcber traurige Trinker, nerv\u00f6se Intellektuelle, die in ihren Plattenbau-Wohnungen einem komplexen Leben fr\u00f6nen, empfahl. Seine Lieblinge sind oft Charaktere, die ihm im wahren Leben vermutlich f\u00fcrchterlich auf die Nerven gehen w\u00fcrden, sobald ihm die humoristische Distanz zu ihnen entglitte. Das Sachbuchregal stellt er immer gerade so voll mit linken Denkern, Kapitalismuskritik und Freihandelsgegnern, dass mir das auff\u00e4llt und ich seufze. Als ich begann, bei NEOS zu arbeiten und meinte, ich glaube, das sei der Beginn von etwas Gro\u00dfem, sagte er: \u201eDas bef\u00fcrcht\u2019 ich auch.\u201c <\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Der Lebensbuchh\u00e4ndler hat eine Lebensbuchh\u00e4ndlerin: Sandra. Sandra steht auf Kunst, auf Theater, auf Mode, tr\u00e4gt immer schwarz und eine gro\u00dfe Eulenbrille. Sie kommt spielend durch 80 Prozent eines Gespr\u00e4chs, ohne einen Gesichtsmuskel zu bewegen und ist die gnadenlose Richterin \u00fcber alles, was Unordnung im Universum stiftet. Sie liest B\u00fccher aus Europa, gerne \u00fcber Italien. Es darf auch um Aussteigerfiguren gehen, zerr\u00fcttete Familien und sogar um die Liebe. Aber wer braucht schon noch mehr B\u00fccher \u00fcber die Liebe. Eh. Sieht sie auch manchmal so. An wolkigen Tagen. W\u00e4ren wir miteinander in die Schule gegangen, w\u00e4r sie sicher die gewesen, mit der ich heimlich am Friedhof nebenan geraucht h\u00e4tte. Am Anfang sagte sie oft \u201eDer Bernhard ist nicht da\u201c, wenn ich kam, still hinnehmend, dass ich da war, um mit ihm den aktuellen Fall \u2014 von U-Bahn-Beobachtung, \u00fcber philosophisches Problem, bis hin zum urbanalen Grant \u2014 zu er\u00f6rtern. Es ist ein Prozess, der oft so abl\u00e4uft:<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Es weht mich bei der T\u00fcr herein, ich erz\u00e4hle im freien Stream of Consciousness, was ich gerade erlebt habe, an welche Filmszene oder wahre oder nachdr\u00fccklich erfundene Geschichte mich das erinnert, seufze dann, sage, ich brauche ein Buch, idealerweise nat\u00fcrlich etwas lebensver\u00e4nderndes. <\/span><\/p>\n<p class=\"p3\" style=\"text-align: left; padding-left: 30px;\"><span class=\"s1\">Bernhard: Das vielleicht? Ich hab keine englischen sonst, aber das schon, weils so cool is.<br \/>\nIch: Alle sagen, ich les dauernd nur \u00fcber Krieg und Waffen. Jetzt will ich <i>einmal<\/i> einen Roman und find keinen. Ach, ich wei\u00df nicht. Das frustriert mich alles.<br \/>\n<i>Bernhard verdreht die Augen.<br \/>\n<\/i>Ich: Es liegt nicht an dir, Bernhard, es liegt an der Welt. Es liegt daran, dass die Leute einfach nur mehr Schrott schreiben und sich Verlage lauter bl\u00f6de Titel ausdenken und <i>alles <\/i>drucken!<br \/>\nBernhard seufzt: Ich seh schon, das wird heut nix.<br \/>\nIch: Ich glaub auch.&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Oder:<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\" style=\"padding-left: 30px;\"><span class=\"s1\">Ich: Wei\u00dft, ich bin eh total selber schuld an der ganzen Situation. Und Kopfweh hab ich auch.<br \/>\nBernhard: Das kommt vom intensiven Leben.&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Oder zu Weihnachten in Doppelconf\u00e9rence:<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\" style=\"padding-left: 30px;\"><span class=\"s1\">Bernhard: Es is schon der 20. und erst heut hab ich den ersten rausg\u2019haut. War super f\u00fcr meinen inneren Frieden. Was magst du denn? Einen Sessel als erstes, oder? Dann ein Bier? Ich bring dir deine B\u00fccher. Sollen wir irgendwas als Geschenk verpacken? (Bei ihm trau ich mich da nie ja sagen.)<br \/>\nSandra: Is irgendwas davon eh f\u00fcr dich? Weil du sollst ja zu Weihnachten keine Lesenot haben. Du schaust m\u00fcde aus. Da, nimm ein Buch. Ich packs dir ein, ja? (Bei ihr blicke ich immer dankbar drein und sage: Ja, bitte!)<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Sehr gute Neuigkeiten erz\u00e4hle ich zuerst meiner Mama und dann recht schleunig meinen Buchh\u00e4ndlern. Aber auch die schlechten trage ich dorthin. Am Todestag einer Freundin, der mich jedes Jahr sehr qu\u00e4lt, trank ich das erste Mal mit meinen Buchh\u00e4ndlern. Wenn die Welt f\u00fcrchterlich finster ist, ist es das bei Bernhard und Sandra meistens auch. Aber konstruktiv finster. <\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Weil Bernhard ein Admira-Fan ist, k\u00f6nnen wir uns beim Fu\u00dfball nicht einigen (Rapid). Aber dann sind wieder solche Sachen wie heute, wo ich ihm vom Ernst Molden vorschw\u00e4rm\u2019 und er sagt, ja, den findet er auch ganz gut und vor allem habe der einen hervorragenden Musikgeschmack und ob ich nicht dieses eine Lied kenn vom Fred Eaglesmith. Das habe n\u00e4mlich der Molden \u00fcbersetzt und da gehts um eine Hochzeit und um Brautjungfern und es hei\u00dft bei ihm: \u201eDei Schwester waand\u201c. Und er habe noch ein anderes Lied \u00fcbersetzt, das auch der Sir Tralala neu interpretiert und in eine Nonsense-Sache verwandelt habe und es sei \u201eja immer g\u2019f\u00e4hrlich, wen man so a todtrauriges Liad so veralbert\u201c. Und er sagt das mit der Ernsthaftigkeit, die einer solchen Aussage geb\u00fchrt, weil er ihm klar ist, dass Musik letzten Endes das ist, was dieses ausgefranste Universum zusammenh\u00e4lt.<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Molden, Soyka, Wirth - Dei Schwester waand\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/VCcCddFn-Y4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Und wenn ich nicht mehr wei\u00df, was ich noch tun oder sagen soll, oder wo ich noch hingehen soll, dann geh ich zuerst einmal zu meinen beiden Buch-Dealern und schau, was dort an Weisheit niedergeht. Ich schreib ihnen aus dem Urlaub Karten und hab selbst auch schon Post zu ihnen bekommen. Wenn man gerade mitten in einer guten Geschichte ist, heben sie das Telefon nicht ab. Manchmal bin ich mir gar nicht sicher, ob sie es dann \u00fcberhaupt h\u00f6ren. &#8222;Gibt eh den Anrufbeantworter.&#8220; Sie haben mir lebensver\u00e4ndernde B\u00fccher verkauft. Die Buchhandlung macht sich gut, obwohl die zwei keinen Finger f\u00fcr Werbung r\u00fchren, nicht auf diesem Facebook sind und nicht einmal eine gescheite Website haben. Brauchen sie alles nicht, weil sie eine Art Portal in den eigenen Kopf sind, in dem sie einen Gott sei Dank nicht allein lassen, denn dort geht man nur allzu leicht verloren. Und alles, was einem wie die ultimative lost cause und v\u00f6llig niederschmetternd schien, als man ihr Gesch\u00e4ft betreten hat, ist immer noch lost und niederschmetternd wenn man wieder rausgeht, aber man hat oft mit ihnen gemeinsam die richtigen Worte f\u00fcr das eigene Elend gefunden und einen Sack B\u00fccher in der Hand, was ja so schlecht dann auch selten ist. &nbsp;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie streiten. Fast immer streiten sie. Es geht darum, ob der andere irgendwas irgendwo hingelegt hat oder es von dort weggenommen oder h\u00e4ufig auch um irgendeine Reise. 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